
Als das Handelsschiff “Peru” 1893 nach Grönland aufbricht, hat es nur einen Passagier an Bord: den Marinemaler Carl Rasmussen. Er steht kurz vor seinem 52. Geburtstag, ist verheiratet, hat 8 Kinder und ist als Maler anerkannt, aber seine Selbstzweifel haben mit den Jahren auch zugenommen. Er leidet darunter, seine Unschuld und damit auch sein Talent verloren zu haben. Mit seiner Kunst wollte er Brücken zwischen den Seelen schlagen, das Edle im Menschen und die Schönheit der Schöpfung zeigen, und jetzt befürchtet er, ein gewöhnlicher Freilichtmaler geworden zu sein.
Schon als Kind wollte er Maler werden, hat da schon erlebt, dass Kunst die Kraft hat, Seelen zu vereinen, und er hat sich immer geweigert, etwas Abstoßendes darzustellen: “Ich male nichts Hässliches.”
Sein künstlerischer Werdegang ist anfangs leidvoll, da er lange auf ein Stipendium warten muss. Unterstützung findet er in der starken Persönlichkeit seiner Cousine Henrietta, die an ihn glaubt und ihm hilft, seinen Weg in der Kunst zu finden. Sie hat ihn auch ermutigt zu seiner ersten Reise nach Grönland als junger Mann. Er suchte einen Ort, wo er etwas wirklich Großes malen konnte.
Auf dieser ersten Reise findet er auch, was er sucht: Er ist fasziniert von der Natur, den Farben und den dort lebenden Menschen. Jonas, ein Eskimo, der ihn auf einem Ausflug begleitet - und von dem erzählt wird, er sei ein Schamane - wird sein ergebener Zuschauer beim Malen. In ihm findet er “diese fremde seele, die ihm in vorbehaltloser Offenheit entgegenkam und plötzlich zu einem Vertrauten wurde, weil sie beide an der Macht der Kunst teilhatten.”
Als er von seiner Reise zurückkehrt, ist Henrietta, mit der er sich vor der Abfahrt verlobt hatte, verstorben. Carl leidet unter Schuldgefühlen, weil er nicht gesehen hat, wie krank sie war und nur an sich selbst gedacht hat. Aus Pflichtgefühl heiratet er ihre jüngere Schwester Anna Egidia.
Doch zuvor geht er noch auf die für Künstler damals obligatorische Reise in den Süden, für die er, da er jetzt ein angesehener Maler ist, ein Stipendium der Kunstakademie erhält. Dem Vergleich mit Grönland können für ihn Italien und Frankreich nicht standhalten, er ist empört über die soziale Ungerechtigkeit, die ihm in beiden Ländern ins Auge springt.
Da auch Kopenhagen nicht “sein Ort” ist, lässt er sich mit seiner Familie in Marstal auf seiner Heimatinsel nieder. Er wird berühmt, gelangt zu Wohlstand, hat eine zufriedene Familie, aber auch in Marstal vermisst er etwas Elementares, immer wieder trauert er auch Henrietta nach, immer mehr fehlt ihm bei seiner Arbeit die Inspiration. Er “hatte ein Glaubensbekenntnis in der Kirche. Und er hatte ein weiteres für sein übriges Leben. Die Abtönungen” . Er hält an den Regeln der Akademie fest, die ihn fesseln.
Die zweite Reise soll ihn zurückführen zu dem, was er dort früher in sich fand.
Doch bei der Ankunft ist wie ein Omen der Himmel, der ihm früher so ein großartiges Farbschauspiel bot, eintönig grau, bietet ihm nicht die geringste Inspiration. Er sucht nach Jonas, hört, dass der auf seine frühere Art überall auftaucht, glaubt auch manchmal seine Anwesenheit zu spüren. Seine äußere Reise führt ihn immer mehr auf die Reise zu sich selbst…
Die Zerrissenheit des Malers, seine Suche nach Wahrheit, die ihn immer wieder an seine Grenzen führt und der Blick auf das Meer und die gewaltige Natur Grönlands lassen beim Lesen einen tiefen Eindruck zurück.
Jensen, Carsten:
Rasmussens letzte Reise : Roman
München : Knaus, 2010
ISBN 978-3-8135-03331-9
Wochentipp von Brigitte Weber