Wochen-Tipp: “Herr Mozart wacht auf” von Eva Baronsky
Montag, November 30th, 2009Als Herr Mozart aufwacht, fühlt er sich frisch und gesund – dabei hatte er doch gerade mit dem Tod gerungen und beim Aderlass das Bewusstsein verloren. Die Krise scheint also überwunden zu sein! Doch die anfängliche Freude schlägt schnell um in Beklommenheit: Seine Stanzi ist nicht da, und seine Umgebung ist ihm völlig unbekannt, die Wohnung mit seltsamen Gegenständen eingerichtet. Befindet er sich etwa doch schon im Jenseits, ist dies das Paradies oder womöglich die Vorhölle? Nur eins ist ihm sofort klar: er muss sein Requiem vollenden.
Auf der Stelle geraten wir mit W.A. Mozart ins Wien des 21. Jahrhunderts, in dem immerhin der Stephansdom noch an der selben Stelle steht. Mozart muss sich mit zahllosen Neuerungen auseinandersetzten. Sehr bald wird ihm klar, dass er sich nicht als „Wolfgang Amadé Mozart“ vorstellen kann, also nennt er sich „Wolfgang Mustermann“ – und schlägt sich genauso durch wie in seinem früheren Leben. Zu seinem Glück begegnet er dem polnischen Straßenmusiker Piotr, der ohne Aufenthaltsgenehmigung in Wien lebt und dort also mindestens so fremd ist wie Mozart, aber wesentlich lebenspraktischer veranlagt.
So entwickelt sich eine Geschichte mit äußerst geschickt ineinander verschlungenen Erzählsträngen, in der natürlich die Musik das Allerwichtigste ist. Unser Mozart lässt sich nicht von U-Bahn, Supermarkt, Telefon, Zentralheizung, CD-Player und anderen Dingen aus der Fassung bringen – in allem ist für ihn Musik. Die „Zeitreise“ („Blödsinn, gibt nur in Film!“ sagt ja auch Piotr) spielt also in diesem Roman gar keine so wichtige Rolle. Viel interessanter ist für Mozart doch das aktuelle Musikleben: Wie kann es denn sein, dass kaum Gegenwartsmusik aufgeführt wird – immer nur Mozart, Wagner, Strauss, also „just das Contraire von etwas Neuem“? Dank der „CD-Büchlein“ ist er in kürzester Zeit mit der Musik der vergangenen 200 Jahre vertraut (Beethoven ist ihm zu schroff, Schubert dagegen sagt ihm sehr zu), und bald wird er in einem Jazzclub heimisch, in dem er auch unbedingt auftreten will. Er komponiert unentwegt, denn Komponieren ist für ihn keine Arbeit, sondern ein Zustand: „Tief in seinem Herzen, tief in seinem Innern war Musik, nichts als Musik, und würde nie etwas anderes sein.“ Sein musikalisches Genie wird bald bewundert, doch der „seltsame Kauz“, dessen Ausdrucksweise ja auch immer die des 18. Jahrhunderts ist, fällt in der modernen Großstadt durch jedes Raster. Das kann auf Dauer nicht gut gehen – und es muss ja auch immer noch an die Vollendung des Requiems gedacht werden, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht …
Lachen und Weinen liegt in diesem Roman nah beieinander – den man übrigens auch mit geringen musikalischen Vorkenntnissen genießen kann!
Baronsky, Eva:
Herr Mozart wacht auf
Berlin: Aufbau-Verl. 2009
Tipp von Juliane Buff
