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Wochen-Tipp: “Unvollständige Erinnerungen” von Inge Jens

Montag, März 15th, 2010

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Bekannt geworden ist Inge Jens durch ihre Biografien über Katja Mann und deren Mutter Hedwig Pringsheim, auch als Editorin der Tagebücher von Thomas Mann – oft schrieb sie zusammen mit ihrem Mann Walter Jens.
In diesem Buch reflektiert die 82-jährige  ihr eigenes Leben. Sie schreibt sehr zurückhaltend, erzählt nicht viel Privates, sie ist auch keine Anekdötchenerzählerin. Hauptgegenstand ihrer Erinnerungen ist ihre Arbeit.
Dabei ist sie aber sehr ehrlich, sie erzählt, dass sie als Kind und Jugendliche mit der herrschenden Nazi-Ideologie recht konform war und sich beim BDM wohl fühlte. „Es überwiegen die freundlichen Erinnerungen“. Sie hat sogar einen Aufsatz, den sie als 10-jährige stolz darüber geschrieben hat, dass Hitler ihr die Hand geschüttelt hat, abgedruckt.
Erst viel später hinterfragt sie u.a. durch die Lektüre von Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ und durch ihre Arbeit über die  Geschichte der „Weißen Rose“ ihr eigenes Erleben. Sie versteht  ihre unkritische Haltung nicht mehr und wundert sich, dass sie die Zeichen nicht gesehen hat. Prägend in der Kriegszeit  waren für sie die Bombennächte und dass sie bei Hilfsdiensten während der Luftangriffe auf Hamburg als damals 16-jährige auf eine Frau traf, die ihr totes Kind im  Arm trug. Als Helferin im Krankenhaus war Inge Jens dabei, als einem 15-jährigen Jungen das Bein amputiert wurde. Die Kriegserfahrung hat sie zu  ihrem späteren Engagement in der Friedensbewegung geführt, wie sie auch in ihrer Verteidigungsrede im Mutlangen-Prozess erklärt hat.
Die junge Inge Jens wollte Ärztin werden, aber aufgrund von Zulassungs- beschränkungen („Vorrang hatten die aus dem Krieg zurückkehrenden Soldaten“), war ihr das Medizinstudium verwehrt und sie nahm – von einem Freund dazu überredet – ein Studium der Literaturwissenschaft auf.
Als sie nach der Heimkehr ihres Vaters – als Älteste der Geschwister musste sie in der Familie Verantwortung übernehmen – den Studienort wechseln konnte, lernte sie in Tübingen Walter Jens kennen, der wie sie in Hamburg aufgewachsen war. Es begann eine lebenslange Gemeinschaft, die von intellektuellem Austausch geprägt war. Sie gehörten beide der Gruppe 47 an, gaben gemeinsam Bücher heraus und engagierten sich in der Friedensbewegung.
Diese geistige Gemeinschaft wurde beendet durch die Demenzerkrankung, an der Walter Jens seit einigen Jahren leidet. Wie sie es in ihrem ganzen bisherigen Leben getan hat, nimmt Inge Jens auch diese Herausforderung mit bewundernswertem Einsatz an. Sie erzählt offen von ihren Schwierigkeiten, mit ihrem kranken Mann zu leben, mit dem sie nicht mehr wie früher kommunizieren kann, der manchmal aggressiv wird und zuweilen auch äußert, dass er nicht mehr leben will. Sie ist manchmal  wütend und ungeduldig, aber im Grunde ist sie sehr mitfühlend, versucht ihm, wo es geht zu helfen und ist dabei sehr sensibel und einfallsreich, sie geht auch ihren eigenen Gefühlen auf den Grund Sie tut es, wie sie zeit ihres Lebens gehandelt hat, mit einer Hingabe, die alle Schwierigkeiten und Zweifel überwindet.

Die Unvollständigen Erinnerungen sind ein Stück Zeit- und Geistesgeschichte, vor allem sind sie aber die Geschichte einer Frau voller Lebensmut und geistiger Tiefe und Beweglichkeit, die ein erfülltes arbeitsreiches Leben geführt hat. Inge Jens erzählt wenig Persönliches, selbst ihre Söhne nehmen wenig Platz in dem Buch ein, ihr Stil ist sehr nüchtern, sogar ein bisschen spröde, aber beim Lesen fühlte ich mich doch persönlich sehr berührt  davon, mit wieviel Wärme und Achtung  sie über ihre Freunde wie Hans Mayer, Karola Bloch berichtet. Auch spürt man bei all ihrer Sachlichkeit ihre zutiefst menschliche Haltung, wenn sie über historische Personen schreibt.Und am Ende, als mir wieder bewusst wird, dass sie schon 82 Jahre alt ist, kann ich eigentlich nur staunen und ihren wachen Geist und ihre ungebrochene Kraft bewundern.

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2009 

Wochentipp von Brigitte Weber