Wochen-Tipp: “Wesley oder Wie eine Eule mein Herz eroberte” von Stacey O’Brien
Montag, Mai 31st, 2010Die meisten Haustierbesitzer sind davon überzeugt, dass ihre Tiere Gefühle ausdrücken und wahrnehmen und eine Seele haben. Wissenschaftler dagegen haben sich eher zögerlich auf dieses Gebiet begeben, aber auch sie zweifeln heute nicht mehr daran, dass Tiere - nicht nur Primaten - Empfindungsvermögen haben.
Die Biologin Stacey O’Brien kennt natürlich das Problem: Es besteht die Gefahr, eigene Gefühle auf das Tier zu übertragen. Als Wissenschaftlerin am California Institute of Technology adoptiert sie eine 4 Tage alte Schleiereule, die wegen eines Nervenschadens am Flügel wohl niemals ausgewildert werden kann. Aber man will die Gelegenheit ergreifen, an diesem auf Stacey geprägten Vogeljungen das Verhalten der Schleiereulen genauer zu erforschen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Stacey noch nicht, worauf sie sich einlässt: 20 Jahre wird sie mit „Wesley“ zusammenleben, er gibt ihrem Leben eine Richtung. Sofort ist sie fasziniert von dem zarten Duft des Kükens, bald hat sie alle Hände voll zu tun mit der Aufzucht, für die sie ihren Tagesablauf vollkommen umstellt. Dazu muss man schon mehr als durchschnittlich tierliebend sein, allein die Beschreibung der Fütterung mit Mäusen (die unbedingt GANZ sein müssen, die es auch nicht immer tiefgekühlt zu kaufen gibt, die gelegentlich auch entwischen und nach Wesleys Meinung auch Stacey gut schmecken sollten) treibt einem den Schweiß auf die Stirn.
Als Wesley nach ein paar Tagen die Augen öffnet, ist es endgültig: „In seine Augen zu sehen, war, als schaute man in die Unendlichkeit, als sehe man in den Kosmos hinaus. Ich empfand es als eine zutiefst spirituelle Erfahrung, die während seines ganzen Lebens anhielt.“
Hinreißend berichtet sie von ihrer Beziehung zu dem Tier, von seinen ersten tapsigen Flugversuchen, von der Kommunikation, die sich in den langen Jahren mehr und mehr verbessert. Wesley wird auch zum Prüfstein bei ihren Beziehungen zu Männern, die dabei meist den Kürzeren ziehen, aber was macht’s - sie ist ja mit Wesley durchaus ausgelastet. Sie akzeptiert sogar, dass er ihre geliebten Zebrafinken jagt (obwohl ihm keine Euleneltern jemals so etwas beigebracht haben, vor lebenden Mäusen ängstigt er sich allerdings). Und seine bei Eulenvögeln ungewöhnliche Vorliebe für Wasser macht eine Menge Arbeit: Herrlich sind die Schilderungen, wie Wesley das Badezimmer benützt und dort auch schon mal alles verwüstet, wenn er in die Toilettenschüssel hopst und dazu alles Papier von der Rolle verbraucht … und sich anschließend „stolz“ im Spiegel betrachtet. Da muss man schon so besessen sein, wie die Wissenschaftler am Caltech (Hogwarts nicht unähnlich, nicht nur wegen der durch die Gänge fliegenden Eulen): Dort züchtet man Schwarze Witwen, befasst sich lebenslang mit der Erforschung der Eierstöcke pazifischer Buntbarsche, dient selber als Lebensraum für Parasiten aus dem Amazonas-Regenwald oder übt Mund-zu-Schnabel-Beatmung an toten Finken (was Stacey eines Tages bei Wiederbelebungsversuchen an einem Hamster sehr zugute kommt).
Stacey nun hat die Eulen im Focus. Als ihre Großmutter stirbt, erfährt sie, dass diese nicht nur eine riesige Eulensammlung hatte, sondern selbst auch einmal eine verletzte Schleiereule namens „Weisel“ gehalten hatte. Das bindet sie womöglich noch mehr an ihren Wesley, der ihr schließlich sogar das Leben rettet: Als sie schwer erkrankt und daran denkt, sich das Leben zu nehmen, besinnt sie sich auf das Versprechen, das sie ihm gegeben hat - ihn nie zu verlassen. „Ich blickte in die Augen der Eule und beschloss zu leben.“ - Man ist verantwortlich für das, was man gezähmt hat, sagte ihr Vorgesetzter am Caltech schon am ersten Tag, denn die Worte von Saint-Exupéry treffen nicht nur auf kleine Prinzen und Füchse zu - „Il est très simple : on ne voit bien qu’avec le coeur. - Tu deviens responsable pour toujours de ce que tu as apprivoisé.“
O’Brien, Stacey:
Wesley oder Wie eine Eule mein Herz eroberte
München: Heyne, 2009
978-3-453-16544-1
Tipp von Juliane Buff
