Wochen-Tipp: “Wie die Madonna auf den Mond kam” von Rolf Bauerdick
Das kleine Bergdorf Baia Luna liegt in Transmontanien, und das wiederum mag irgendwo nördlich, südlich, östlich oder westlich von Rumänien liegen, oder auch mittendrin (wofür manches spricht, nicht nur der häufige Konsum von Zuika-Schnaps und Carpati-Zigaretten in unserer Geschichte, Vampire kommen allerdings nicht vor). Ganz sicher aber liegt es in den Karpaten, aber wer weiß schon genau, wo die liegen, man sollte es sich einmal auf der Landkarte ansehen. Vielleicht ist es ein Kunstgriff des Autors, denn Baia Luna ist eben ein literarischer Ort, den manche Rezensenten auch schon mit Garcia Marquez`”Macondo” verglichen haben.
In Baia Luna leben 250 Einwohner miteinander: Einheimische, Deutsche, Ungarn und Roma. Mittelpunkt des Dorfes ist der Dorfladen und die Schankstube von Ilja Botev. Die Geschichte, die vom damals 15-jährigen Enkel des Schankstubenbesitzers erzählt wird, setzt ein am 6. November 1957: Großvater Ilja und sein Freund, der Roma Dimitru, lauschen mit einem Blechtrichter am Ohr ins Weltall auf das Piepen des Sputnik. Beide sind überzeugt: Die Sowjets wollen mit der Weltraumexpedition beweisen, daß es Gott nicht gibt, weil er im Weltall nicht gefunden werden kann.
Für Pavel endet die Schulzeit abrupt, als die Lehrerin spurlos verschwindet. Kurz vorher hat sie ihm noch einen brisanten Auftrag gegeben: Als er das Foto des neuen Parteisekretärs im Klassenzimmer aufhängen muß, flüstert sie ihm zu: “Schick diesen Mann zur Hölle, vernichte ihn!” Erst nach über 30 Jahren gelingt es Pavel, den Sinn zu verstehen und auch den Zusammenhang mit anderen seltsamen Ereignissen: Das Ewige Licht in der Dorfkirche erlischt, der Dorfpfarrer wird brutal ermordet und die Madonna in der Wallfahrtskapelle auf dem Mondberg wird gestohlen.
Das “Goldene Zeitalter” des Sozialismus beginnt, die Dorfgemeinschaft gewöhnt sich an die neuen Zustände - fern von der Hauptstadt, entwickelt sich aber manches anders, als die neuen Machthaber es sich vorstellen, und die Aktionen von Geheimdienst und Parteifuntionären haben nicht immer den gewünschten Erfolg.
Daraus fabuliert Rolf Bauerdick eine bunte Geschichte in bester slawischer Erzählermanier - das Salz in der Suppe sind dabei die schrulligen Diskussionen zwischen Ilja und Dimitru, die sich ganz sicher sind, daß die Sowjets es auch auf die Gottesmutter Maria abgesehen haben. Mit ihrer ganz eigenen Logik kommen sie zu dem Schluß, daß die verschwundene Maria auf dem Mond verborgen ist - im “Mare Serenitates”, dem “Meer der Heiterkeit”, wo sonst?
Nach 30 Jahren ist der Zerfall des Sozialismus nicht mehr aufzuhalten. Die Katastrophe ist schließlich über Baia Luna hinweggegangen: Die größte Gefahr ist der Mensch, es hat viele Opfer gegeben - aber die Natur rettet sich selbst.
Ein Buch, das man wenigstens zweimal lesen kann!
Bauerdick, Rolf:
Wie die Madonna auf den Mond kam
Stuttgart: Dt. Verl.-Anst., 2009
515 S.
Tipp von Juliane Buff